Milada Øíhová

Sanitatem conservare

(Zur Typologie einer Art der mittelalterlichen medizinischen Literatur)

 

     Die Regeln gesunder Lebensführung – lateinisch Regimina sanitatis – sind eines der am meisten verbreiteten Genres der mittelalterlichen medizinischen Literatur und sie können als typisches Genre der scholastischen Literatur erachtet werden. Ihre Hauptblütezeit waren das 13. – 15. Jahrhundert, obgleich wir ihnen auch noch später begegnen, zumeist dann schon in den nationalsprachlichen Versionen. Auch im Mittelalter weckten nämlich die mit der eigenen körperlichen und auch psychischen Gesundheit verbundenen Fragen sowie die Aspekte er Gesundheitspflege großes Interesse. Die Regimina sanitatis hatten in der Konzeption der mittelalterlichen Medizin eine solch große Bedeutung, dass ihr Trainieren an der medizinischen Fakultät gelehrt wurde – was zumindest für Böhmen für den Zeitraum des Wirkens von Albík z Unièova (Albík von Unièov) an der Prager Fakultät für Medizin belegt ist. Die Regimina sanitatis waren direkt mit dem universitären Lehrprogramm verbunden, was sie auch von den Consilien unterschied, die ein gesondertes Schriftstück des bereits geprüften und graduierten Arztes bei der Ausübung seines Berufs darstellten.

     Hauptthema der Regimina sind die Gesundheit, deren Pflege, Erhaltung, Beeinflussung, Vorbeugung vor Krankheiten und allgemein gesunder Lebensstil. Ihr grundlegendes Sujet ist folglich nicht die Krankheit, wie dies bei den verwandten Literaturtypen der Fall ist, z.B. in den Pesttraktaten oder in den Abhandlungen zu den Fieberkrankheiten usw., sondern die Gesundheit und die Erziehung zur Gesundheit. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Regimina sind vielerorts die Materia medica, gewissermaßen ein pharmakologisches Minimum, und auch der Rezeptteil, in dem genaue Rezepturen mit der Dosierung der Drogen und mit der Vorschrift für deren Applikation enthalten sind. Alle Teile sind dem bestimmten Typ des jeweiligen Regiminums untergeordnet, d.h. ob es sich um ein Lehrregiminum, ein allgemeines Regiminum oder ein persönliches Regiminum handelt.

Für die Regimina sind drei Eigenschaften charakteristisch: 1) der Synkretismus, oder anders ausgedrückt die Vermischtheit der Gelehrtenebene, der wissenschaftlichen Ebene und der pragmatischen Ebene, 2) die Popularisierung einer gesunden und in allem maßvollen Lebensführung, 3) die Abhandlung über die „sechs Dinge, die dem Menschen nicht angeboren sind“ (sex res non naturales), oder mit anderen Worten über die Luft, die Kost, Schlafen und Wachen, Ausscheidung und Nahrungsaufnahme, Bewegung und Ruhe und über die Geisteswanderungen, wobei nicht immer von allen sechs Faktoren die Rede sein muss.